
(geb. 07.02.1478 in London, gest. 06.07.1535 in London)
Sir Thomas Morus war Sohn eines Richters, besuchte eine Lateinschule und leistete als Zwölfjähriger am Hof des Lordkanzlers, Erzbischof John Morton von Canterbury, Pagendienste. Dieser schickte ihn zwei Jahre mit einem Stipendium nach Oxford, wo Morus Latein und Griechisch studierte (eine damals noch umstrittene Gelehrsamkeit, die sein Vater nicht gerne sah) und ab 1496 eine juristische Ausbildung in der Rechtsschule Lincolns Inn durchlief. 1501 schrieb Morus lateinische und englische Verse, schloss sein juristisches Examen ab und begann, selbst zu lehren. Er wurde ein erfolgreicher Rechtsanwalt und Unterhändler.
1504 wurde er Parlamentsmitglied. Sein Widerspruch gegen die Steuererhöhungen König Heinrichs VII. erregte Aufsehen. Eine Zeit lang hatte er vor, Mönch zu werden, und lebte als Laie im Kartäuserkloster in London. Mit 26 Jahren heiratete er Joan Colt. Dieser Ehe entstammten vier Töchter und ein Sohn. Seine Frau starb überraschend nach sechs Jahren glücklicher Ehe. Bald darauf ging er eine zweite Ehe ein mit Alice Middleton, die kinderlos blieb. Seine zweite Frau brachte allerdings eine Tochter aus erster Ehe mit.
Von 1510 an war er acht Jahre lang einer von zwei sogenannten Undersheriffs von London und lehrte an Lincolns Inn Recht. König Heinrich VIII. wurde auf Morus aufmerksam und schickte ihn auf diplomatische Missionen. 1516 verfasste Morus das 1. Buch der Utopia und redigierte das ganze Werk, das im Dezember erschien. 1517, mit 39 Jahren, trat er ganz in den Dienst des Königs, der ihn bald zum Mitglied des Geheimen Rates machte. Außerdem vermittelt er in diesem Jahr bei den Mai-Unruhen in London. 1521 wurde er zum Ritter geschlagen. Er war ein entschiedener Gegner von Martin Luther und half Heinrich VIII., eine Arbeit über ihn zu schreiben, die dem König den Titel Verteidiger des Glaubens eintrug. Morus eigene Arbeit über Luther wurde europaweit gelesen.
1523 wurde er Parlamentssprecher und 1529 Lordkanzler, eine Position, die etwa der des heutigen Premierministers entspricht.
Im Privatleben engagierte sich Morus sehr für die Erziehung seiner Töchter, denen er die gleiche Bildung zukommen ließ wie seinem Sohn. Seine älteste Tochter Margaret Roper war eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit. Er war auch sehr freigebig, ernährte während einer Hungersnot Hunderte aus seiner eigenen Tasche und entließ seine Landarbeiter nicht wegen mangelnder Arbeit.
1532 trat er vom Amt des Lordkanzlers zurück. 1534 verweigerte er vor dem Kronrat den Suprematseid und wurde im Tower of London gefangen gesetzt. Zuvor hatte er bereits seine Grabinschrift verfasst und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Das Parlament verhängte die Acht über ihn und zog sein Vermögen zugunsten der Krone ein. Bis zu seinem Tode schrieb Morus religiöse Traktate und Trostschriften. 1535 verurteilte ihn ein Sondergericht zum Tode, am 6. Juli wurde Thomas Morus im Alter von 57 Jahren hingerichtet.
Seinen Humor, für den Thomas Morus bekannt war, hatte er sich bis zuletzt bewahrt. Eine Anekdote erzählt, dass er den Henker bei seiner Hinrichtung gebeten habe, beim Zuschlagen mit dem Beil auf seinen Bart zu achten, da dieser keinen Hochverrat begangen habe.
Thomas Morus war ein ungewöhnlich gebildeter Mann, gleichzeitig fachkundiger Jurist und ein geschickter Unterhändler. Seine Unparteilichkeit als sogenannter Undersheriff (und in anderen Positionen) wurde gerühmt. Er galt als ausgezeichneter Administrator, der sämtliche anhängigen Gerichtsfälle erledigte, was etwas noch nie Dagewesenes darstellte. Als römisch-katholischer Christ setzte er sich konsequent für die Autorität des Vatikans ein. Gleichzeitig focht er mit der Feder für ein humanes Miteinander der Menschen.
Sein bekanntestes Werk war und ist De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia, in dem er ein erfundenes Inselkönigreich beschreibt, womit er auf die bereits von Platon im „Timaios“ angewandte Methode zurückgriff. Einige moderne Gelehrte verstehen es als ein idealisiertes Gegenbild von Morus zeitgenössischem Europa, andere sehen darin eine boshafte Satire desselben Europa. In dem Stadtstaat dieser Insel herrscht eine Art Kommunismus: die Interessen des Einzelnen sind denen der Gemeinschaft untergeordnet. Wie in einem (idealen) Kloster hat jeder zu arbeiten; jedermann bekommt Bildung und genießt religiöse Toleranz. Anders als in der Realität der Renaissance sind Grund und Boden gemeinsamer Besitz. Nach dem Erscheinen in Löwen (Leuven) wurde es bald in mehrere Sprachen übersetzt und wurde der Vorläufer der Romanutopie (u.a. Voltaire: Candide, ou loptimisme, 1759).
Erasmus von Rotterdam, der mehrfach bei Thomas Morus zu Besuch war, widmete ihm sein Lob der Torheit. Während Morus als sogenannter Undersheriff amtierte, fand er die Zeit, eine Geschichte König Richards III. zu verfassen. Sie wird – auch wegen ihrer meisterlichen Beherrschung der englischen Prosa – als Juwel der englischen Geschichtsschreibung betrachtet. Erasmus von Rotterdam schrieb über ihn: „Thomas Morus, Lordkanzler von England, dessen Seele reiner war als der reinste Schnee, dessen Genius so groß war, wie England nie einen hatte, ja nie wieder haben wird, obgleich England eine Mutter großer Geister ist“.
1886 erfolgte die Seligsprechung von Thomas Morus durch den Heiligen Stuhl, die Heiligsprechung erfolgte 1935, zu einer Zeit, als die Konflikte zwischen NS-Regime und Katholischer Kirche durch Nichtachtung der Konkordatsvereinbarungen seitens der politischen Machthaber immer offenkundiger wurden. Damit wurde von höchster Stelle ein Zeichen zum religiösen Widerstand gegen totalitäre Herrschaftsansprüche gesetzt, für den Thomas Morus den Märtyrertod gestorben war. Am 31. Oktober 2000 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Patron der Regierenden und der Politiker (siehe Homepage des Vatikan). Außerdem ist er der Patron der KjG (Katholische junge Gemeinde) und zahlreicher Katholischer Studentengemeinden, vor allem auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Der Gedenktag in der katholischen Kirche ist der 22. Juni, in der anglikanischen Kirche der 6. Juli.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Thomas Morus aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.